Afrika im Visier

Cansu Tost ist überglücklich. Nach sieben Semestern Modedesign am Fashion Design Institut in Düsseldorf, hält sie endlich ihr Diplom zum internationalen Fashiondesigner in den Händen. Wir treffen die 24-Jährige nach der Präsentation ihrer Abschlussarbeit „Dessert of Goddess“ auf der Fashion Week in Berlin. 


FDI secrets: Cansu, was ist es für ein Gefühl, wenn du deine selbstentworfene, achtteilige Abschlusskollektion auf dem Laufsteg siehst?

Cansu: Es ist ein so tolles Gefühl, genial, einzigartig, einfach unbeschreiblich. Vor der Show liegen die Nerven blank. Ich war so nervös, so aufgeregt. Erst als ich dann vor dem Publikum stand, konnte ich den Moment genießen. Alle Anspannung ist von mir gefallen, ich war so erleichtert. Das war der Augenblick, auf den ich mein ganzes Studium lang hingearbeitet habe. Nach diesem Erlebnis, vor so vielen applaudierenden Menschen zu stehen, weiß ich es sicher: DAS ist es, was ich machen will.

FDI secrets: Eigentlich bist du Türkin, deine Abschlusskollektion ist aber sehr afrikanisch. Warum?

Cansu: Der ganze Kontinent und seine Kultur sind eine große Inspirationsquelle für mich. Die Farben, Tiere, die Landschaft und auch die afrikanische Mentalität begeistern mich. Es ist ein einzigartiger Erdteil, ganz anders als Europa. Wenn ich an Afrika denke, fallen mir sofort Wörter ein wie „Traditionen, Werte und Verbundenheit“. Mein Heimatland, die Türkei, ist in gewisser Weise auch Teil meiner Kollektion, da ich alle meine Stoffe in Istanbul gekauft habe.

FDI secrets: Welche Stoffe hast du verwendet und wie kam deine Farbauswahl zustande?

Cansu: Ich mag leichte und fließende Stoffe, deshalb habe ich hauptsächlich mit Seide, Tüll und Crepe Satin gearbeitet. Bei der Farbauswahl habe ich mich vor allem an der Wüste orientiert. Ich habe mich für Erdtöne bzw Naturfarben entschieden: ein helles Creme, mehrere Brauntöne in verschiedenen Abstufungen und ein intensives Rost-Braun. Zusammen ergeben sie eine harmonische Farbkombination und spiegeln für mich die Wüste Afrikas wider.

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FDI secrets: Was würdest du sagen, macht dein Design aus?

Cansu: Ich beschreibe mein Design gerne als schlicht und elegant mit einer gewissen Lässigkeit und Sportlichkeit. Deshalb sehe ich meine Arbeit auch in der Kategorie „Pret-à-Porter“. In meiner achtteiligen Kollektion habe ich ausschließlich mit geraden Schnitten gearbeitet, habe Plissierungen eingesetzt und Bindeelemente eingesetzt.

FDI secrets: Auch deine Liebe zum Detail ist bei dieser Arbeit sehr gut zu erkennen. Auf welche Besonderheiten achtest du?

Cansu: Ich bin manchmal sehr perfektionistisch. Die Models tragen zu meiner Mode auch selbst gefertigten Schmuck, wie zum Beispiel große Ketten, Armbänder, Ringe oder Ohrschmuck. Gürtel, Kopftücher und eine Basttasche gehören auch zu der Kollektion. Die Schuhe habe ich mit Kunstfell aufgepeppt. Der Affenkopf macht mein Design vollkommen. Ich habe ihn selbst designt, bestickt wurde er maschinell. Er ist das Symbol meiner Abschlusskollektion, taucht immer wieder in unterschiedlichen Größen auf den Kleidungsstücken auf und sorgt so für einen Eye-Catcher-Effekt.

FDI secrets: Das hört sich alles nach sehr, sehr viel Arbeit an. Wie lang hast du für ein Teil gebraucht?

Cansu: Das kann man nicht pauschalisieren, da ich mir gegenüber der größte Kritiker bin und mir selber das Ziel setze, das Beste aus der Kollektion rauszuholen. Somit hat sich auch das kleinste Teil in die Länge gezogen. Die Kollektion an sich stand in zwei Wochen. Am Tag saß ich um die zehn bis elf Stunden daran.

FDI secrets: Wow, das ist sehr viel Mühe für so eine kurze Modenschau!?

Cansu: Ja, allerdings. Deshalb ist es mir sehr wichtig, dass die Arbeit und Mühe, die sich hinter der Kollektion verbirgt, gesehen, geschätzt und respektiert wird. Meine Zielgruppe soll genau so empfinden wie ich und die Kleidungsstücke mit Stolz tragen und präsentieren.

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FDI secrets: Welche Zielgruppe stellst du dir denn für deine Afrika-Mode vor?

Cansu: Die Inspiration kommt zwar aus Afrika, ich will aber vor allem die Menschen in Europa damit ansprechen. Ich will damit ein Stückchen Afrika in die westliche Welt übermitteln und uns damit die afrikanische Kultur näher bringen.

Für Cansu Tost ist die Mode sehr vielfältig, inspirierend und entwickelt sich immer neu. In der Fashionwelt kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen. Die Jungdesignerin ist überzeugt -die Mode ist dafür da, um seinen eigenen Stil zu finden und um die Aufmerksamkeit der Menschen zu wecken. Es ist oft ein persönlicher Ausdruck des individuellen Lebensgefühls, einer aktuellen Stimmung oder von Sehnsüchten, Träumen und Visionen.
Text von Valentina Rost – Studentin am Fashion Design Institut, Fach: Fashion Journalismus

 

©Jennifer Fischer