Himbeersirup an den Füßen, Lipgloss im Gesicht und Blut an einer Glastür

Mal eine Prinzessin sein, mal einen Kokon aus echten Zigarettenstummeln tragen. An einem Tag eine Ballerina, an dem anderen Tag Teil einer verrückten Konstruktion aus Plastiklöffeln sein. Natürlich geschminkt für einen „No-Make-Up“-Look oder auffällig mit einem toupierten Afro und blauen Augenbrauen. 

Als Model erlebt man so einiges, schlüpft in andere Rollen, spielt Charaktere, die verlangt werden, identifiziert sich mit der Mode, die man trägt und ganz nebenbei lernt man sich bei jedem Shooting selbst neu kennen. Vor Kurzem durfte ich mich wieder ganz neu entdecken und Teil eines außergewöhnlichen Shootings sein.

Rote Haare, Oberlippenpiercing und Septum in der Nase – Ricarda Nienhaus gehört zu den Jungdesignern vom Abschlusssemester 2017 des Fashion Design Instituts, Düsseldorf. 

100% Leidenschaft in jedem Look

Die 24-Jährige ist bekannt für ihr extravagantes, skurriles aber auch geradliniges Design. Das trifft auch bei ihrer achtteiligen Abschlusskollektion zu. „Shizophrenia, benannt nach der psychischen Krankheit, ist ihr ganzer Stolz. Und das nicht ohne Grund! In den acht Outfits steckt monatelange Arbeit, Herzblut, Können und vor allem ganz viel Leidenschaft. „Diese Kollektion ist einfach mein Meisterstück. Ich habe all meine Kraft und meine Gedanken dort hinein gesteckt. Ich bin mehr als stolz auf das, was ich hier innerhalb von ein paar Monaten auf die Beine gestellt habe.

Am Set …

Für das Fotoshooting und den Videodreh zu ihrer Kollektion treffen wir uns in Wuppertal in dem Studio „Kollektivdrei“. Alle sind schon da. Ricarda schminkt das erste Model, Irina. Ihre Mutter bügelt die letzten Falten aus den Kleidungsstücken. Mark, der Videograf und Jeanette, die Fotografin, kümmern sich um das perfekte Licht. Ich habe noch Zeit und darf einen Blick auf die sorgfältig aufgehängte Kollektion werfen.

Auf den ersten Blick sieht man viel schwarz. Schaut man genauer hin erkennt man die vielen aufwändigen Details und die einzigartigen Besonderheiten, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Kollektion ziehen. Von der Stoffauswahl über die Schnitttechnik bis hin zu den Accessoires. „Jede noch so kleine Kleinigkeit ist mir sehr wichtig. Es verleiht der Kollektion genau den Ausdruck, den ich ich erzielen wollte.

Extravagant, skurril, aber doch geradlinig

Die verschiedenen schwarzen Stoffe stammen aus einem kleinen Dorf im Münsterland. „Die meisten davon sind gar nicht für die Bekleidungsindustrie gedacht“, erzählt mir die Designerin. Außergewöhnliche Materialien wie das feine rote Kuhfell, ein in Crackle-Effekt gefärbtes Nappaleder und den grünen Kunstfellstoff, der an Federn erinnert und je nach Lichteinfall anders schimmert, hat sie in London gefunden.

Wenn die Design Absolventin über ihre Kollektion redet, leuchten ihre Augen. Obwohl zwar alles sehr auffällig und avantgardistisch wirkt, habe ich auf klare Linien geachtet.“ Damit bleibt Ricarda Nienhaus ihrer Handschrift treu und präsentiert eine bewundernswerte Fall-Winter Kollektion 2017/18.

Die Schnittführung ist sehr geradlinig und symmetrisch mit vielen geometrischen Formen. Überall entdeckt man immer wieder etwas Neues. Hier eine versteckte Tasche, da ein versteckter Knopf, durch den neue Tragemöglichkeiten entstehen. Die Ärmel haben Überlänge, manche mehr, manche weniger. Zudem dominiert eine kantige Form, die man vor allem in den Seitennähten der Mäntel und manchen Ärmeln sehen kann. Die Mäntel, Capes und die Weste sind sehr oversized geschnitten. Die Hosen und Jumpsuits haben eine moderne, weite Beinform. Jedes Outfit lässt sich einem Symptom der psychischen Krankheit zuschreiben.

Ein Mantel zum Beispiel verdeutlicht die Verfolgungsangst, unter der viele der Betroffenen leiden, indem er nur von hinten zu öffnen ist. Ein anderes Outfit lässt sich in vielen verschiedenen Varianten tragen – Offen, geschlossen oder übereinanderlappend. Damit symbolisiert die Designerin die Entschlusslosigkeit, die als charakteristisch für dieses Krankheitsbild gilt.

Ricarda interessiert sich sehr für die menschliche Psyche.Schizophrenie ist eine psychische Störung, die es häufiger gibt, als man denkt.“ Mit ihrer Kollektion will sie der Krankheit mehr Aufmerksamkeit schenken und zu Akzeptanz aufrufen. „Niemand sucht sich aus, an einer psychischen Störung zu erkranken, aber man kann versuchen, das Beste daraus zu machen und auch Außenstehende können dazu beitragen!“ Für die 24-Jährige sind diese Menschen besondere Individuen, für die sie sich mit ihrer Abschlussarbeit stark machen will.

Stark ist aber nicht nur ihre textile Arbeit

Auch das Set im Fotostudio „Kollektivdrei“ lässt auf ein vielversprechendes Ergebnis schließen. Mehrere Softboxen mit verschiedenfarbigen Folien, eine Drehscheibe, Farbeimer, eine riesige Glasplatte – Als Model bin ich gespannt, was auf mich zukommt.

Ricarda ist ein Multitalent! Sie ist nicht nur Designerin, sie ist gleichzeitig auch noch Visagistin für ihre Shootings. „Ich habe das nie richtig gelernt, aber ich mache das Make Up immer lieber selbst, schließlich weiß ich am Besten was und wie ich es haben will.

Kurze Zeit später stehe ich mit betonten Augenbrauen und Smokey Eyes mit Lipgloss-Glanz-Effekt vor der Kamera. Der Jumpsuit, den ich trage, sitzt wie maßgeschneidert, trägt sich angenehm auf der Haut und lässt jede Bewegung zu – Ein wichtiger Aspekt für die Kategorie Ready-To-Wear, in die die Designerin viele Teile ihrer Kollektion einordnet. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre: Jeanette macht Bilder, Marc macht Videos, im Hintergrund läuft Musik. Recht schnell gewöhnt man sich an die Situation und das Setting, die Posen und Blicke kommen wie von allein. Gesichtsausdrücke von Verzweiflung über Gleichgültigkeit bis hin zu erbitterter Wut, bringen die Symptome der Krankheit zum Ausdruck.

Kreative Köpfe bei der Arbeit

Aber Ricarda wäre nicht Ricarda, wenn sie nicht noch ein Ass im Ärmel hätte. Extra angefertigte Headpieces verdeutlichen noch einmal mehr das Ausmaß der psychischen Störung. Dafür hat sie zum einen hautfarbene Strümpfe kreativ-unheimlich bemalt und zum anderen eindrucksvolle Konstruktionen aus Kabelbindern angefertigt. Für eine 360° Ansicht der skurrilen Kopfteile stelle ich mich auf eine Holzplatte und werde in pink-blauem Licht gedreht und gefilmt.

Dann trinke ich blutsimulierenden Himbeersirup aus einer Glasschale, welchen ich in der nächsten Szene mit Schwung zornig auf eine Glasscheibe verteile. Letztendlich eine Sekunde von dem Video, die im Studio große Mühe, Perfektion und Konzentration verlangt. Aber für Marc David vom Team „Kollektivdrei“ ist für ein gutes Video kein Arbeitsaufwand zu groß. Ganz im Gegenteil: Er liebt ausgefallene Ideen und ungewöhnliche Konzepte wie es bei Ricarda und ihrer Kollektion der Fall ist.

Schon nach einigen Tagen sind die ersten Bilder da und auch das Video lässt nicht lange auf sich warten. Das Ergebnis ist großartig. Die Kollektion sowie die Aussage dahinter kommen ideal zur Geltung. Nicht nur das Video auch schon allein die Fotos erzeugen eine geheimnisvolle, mystische Stimmung.

Fotos: © Jeanette Bäumer

Geschrieben von Valentina Rost