Ist studieren eine Frage des Alters?

Augen zu und durch – Mit 45 nochmal studieren? Zwischen Zweifeln und einer großen Portion Mut – Die Geschichte von Ines Güntner.

Heutzutage ist es normal, dass man sich für ein Studium entscheidet und mit der Zeit eventuell merkt, dass es doch nicht das Richtige für einen ist. Folglich schreibt man sich für einen anderen Studiengang ein und versucht Plan B. Oder sogar C. Aber was ist, wenn man im Laufe seines Lebens feststellt, dass man einen neuen Berufszweig antreten möchte? Gar nicht so einfach … Oder doch?

Ines Güntner, 49 Jahre alt, hat den Schritt vor vier Jahren gewagt. Im August hielt sie stolz ihr Diplom zum Internationalen Fashion Designer in der Hand. Es war ein Weg, den sie nie bereut hat! Aber wie kam es überhaupt dazu?

Wir haben Ines privat getroffen:

Graduation Show in Paris | Zeichnungen: © Ines Güntner

Vom Hobby zum Beruf

Liebe Ines, für viele Frauen bist du ein Vorbild. Dem Klischee, dass viele Firmen nur junge Menschen einstellen, hast du den Rücken gekehrt und bist deinen eigenen Weg gegangen – Mit Erfolg! Verrätst du uns wer du bist und woher deine Leidenschaft zum Design kommt?

Ines: Ich bin 49 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder. Ich komme ursprünglich aus Magdeburg. Da es bei uns im Osten nicht viel gab, musste man zwangsläufig kreativ sein, um sich von der Masse abzuheben. Meine Mutter ist gelernte Schneiderin. Wir haben viel zusammengesessen und irgendwelche Handarbeiten gemacht – Nicht nur zum Spaß! – In erster Linie um sie zu verkaufen. Nähen hat mir am meisten Freude bereitet.

© Ines Güntner

Es gab keinen Weg zurück

Im August hast du dein Diplom zum Internationalen Fashion Designer am Fashion Design Institut mit Bravour abgeschlossen. Erzähl doch mal, was hat dich vor etwa vier Jahren dazu bewegt, noch einmal einen Neustart deiner Berufslaufbahn zu wagen?

Ines: Oh, da gibt es so viele Gründe! Genäht habe ich schon so lange wie ich denken kann. Ich wollte eigentlich immer etwas kreatives machen und habe das ja eigentlich auch – Nur eben als Hobby. Warum es so lange gedauert hat, bis ich dann endlich die Entscheidung getroffen habe zu studieren, darüber könnte ich ein Buch schreiben. Letztendlich war eine notwendige Operation der ausschlaggebende Moment, dass ich dachte, „Okay, jetzt muss etwas passieren!!!“ Es brannte mir so sehr unter den Nägeln und war ein so intensiver Impuls, dass es einfach keinen Weg zurück gab. Ich musste einfach Mode studieren! Immerhin lebt man nur einmal und das Leben hat so viel zu bieten, man muss sich einfach nur trauen, aber das musste ich selbst erst lernen und jetzt bin ich ganz wild auf alles Neue!

Ines Güntner bei ihrem Praktikum bei Anna Scholz Ltd in London

Zwischen Bewunderung und Sprachlosigkeit

WOW! Wir finden deine positive Einstellung und deinen Mut wirklich beachtlich!Aber wie kam dein Entschluss zunächst in deinem Bekanntenkreis an?

Ines: Die einen fanden es ganz toll und sprachen mir ihre Bewunderung aus und die anderen waren eben sprachlos, sodass sie gar nicht mehr mit mir redeten. Aber wenn die Menschen, die man liebt, hinter einem stehen, dann hat man alles was man braucht, um es durchzuziehen.

Hast du je an dir selbst gezweifelt oder Angst gehabt, dass der Schritt in eine noch unbekannte Zukunft zu gewagt sei?

Ines: Ja, definitiv! Aber ich denke das kennt jeder, der in einem kreativen Beruf Fuß fassen will. Wenn ich letztendlich nicht an mich glauben würde, hätte ich es wohl kaum geschafft.

© Ines Güntner

Ganz oder gar nicht

Du hast dein Studium mit einem Schnitt von 1,8 abgeschlossen und kannst mächtig stolz auf dich sein! Hat deine Abschlusskollektion eine besondere Bedeutung hinsichtlich deiner spannenden Laufbahn?

Ines: Ja, ich bin auch echt stolz. Mir war es auch wichtig nicht einfach nur irgendwie zu bestehen, sondern mit guten Noten. Das brauchte ich einfach für mein Ego. Aber ich bin ja auch Mutter, habe also eine Vorbildfunktion. Meine Arbeiten haben meistens einen sozialpolitischen Hintergrund, so auch meine Abschlusskollektion.

Ich bin sehr dankbar für alles, was ich habe, aber leider gibt es so viele Menschen denen es nicht so gut geht und für die ergreife ich Partei, um auf deren Problematik aufmerksam zu machen. In meiner Abschlusskollektion geht es um das Leben in einer pulsierenden Großstadt. Als Tourist nimmt man oft viele Dinge nicht so wahr, sieht oft nur das Positive. Wenn man aber dort lebt und arbeitet, wie ich in London, als ich mein Praktikum dort absolvierte, wird man zwangsläufig auch mit der Realität konfrontiert und schaut genauer hin. Daher ging es in meiner Abschlusskollektion um die horrenden Mieten und die hohe Zahl der Obdachlosen.

Abschlusskollektion von Ines Güntner | © Jeanette Bäumer

Ein geglückter Start in die Modewelt

Verrätst du uns, wie deine Zukunftspläne aussehen?

Ines: Ich bin seit November in Phnom Penh, Kambodscha. Hier arbeite ich als Dozentin in einer Modeschule. Die Studenten sollen die Möglichkeit bekommen, sich auf dem europäischen Markt zu etablieren. Aber auch hier in Phnom Penh muss besser auf die Ansprüche der Kunden eingegangen werden. Da mein Studium sehr umfangreich, intensiv und vielseitig war, bin ich gut darauf vorbereitet. Aber ich habe auch sehr viel während meines Praktikums gelernt. Immerhin ist London eine beeindruckende Modemetropole, die mich sehr geprägt hat.

Was danach kommt, wird sich zeigen. Ich habe gelernt, dass es besser ist für vieles offen zu sein und das bin ich definitiv. Man lernt in dieser Branche so viele Menschen kennen und damit ergeben sich zwangsläufig oft auch neue Wege. Vielleicht macht mir das hier ja so viel Spaß, dass ich weiter als Dozentin arbeiten möchte. Mir gefällt es aber auch sehr Firmen zu besuchen und die Produktionsabläufe und die Qualität zu überprüfen. Aber meine Kreativität soll auch nicht auf der Strecke bleiben. Ich liebe es neue Schnitte zu kreieren. Ich will so viel und da kommt im Laufe der Zeit bestimmt noch mehr dazu. Ich arbeite wahrscheinlich alles nacheinander ab. 😉

Ines Güntner und Rolf Scheider bei der Fashion Week – 2011

Liebe Ines, bei so viel Leidenschaft, Dynamik und Courage hast du dir dein Diplom wirklich verdient und wir wünschen dir weiterhin viele spannende Jahre und eine Menge Freude bei deinem Einstieg in die bunte Modewelt. Wir hoffen, dass wir weiterhin viele mitreißende Impressionen von dir sehen werden!

Beitragsfoto: Abschlusskollektion von Ines Güntner | Foto: © Jeanette Bäume | Illustration: © Ines Güntner